GLEICH GEHT'S LOS

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Ich bin eben noch nicht so weit

Ich bin eben noch nicht so weit

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Gestern nachmittag war ich im Conceptstore “Fine Little Things”, denn ich finde, man muss sich hin und wieder selbst belohnen. Ich fühlte mich so leicht und glücklich, liebte meinen tollen Job, mein wunderbares Leben, mein geflochtenes Haar, meinen jüngsten Deal, schlüpfte in eine Leon & Harper Jacke und tänzelte selbstverliebt vor dem Spiegel herum. Hinter mir hielt eine Frau ihrer Freundin einen Rock unter die Nase und bat um ihre modische Expertise. Ich nickte ihr verschwörerisch zu, weil ich mir den Rock bereits im vorletzten Sommer gekauft hatte, dachte noch, gleich werden sie hysterisch aufschreien und das Teil in allen Farben kaufen. Doch die Freundin machte nur eine abwehrende Handbewegung und sagte trocken: “Ich habe beschlossen, mich nicht mehr für Mode zu interessieren.” Punkt. Ein vollständiger Satz. Keine weitere Erklärung, kein Bedauern, kein Witzchen, kein Vorwurf. Ich dachte, pfff, wie blasiert! Warum muss sie denn so ein Gewese aus ihrer Einstellung machen? Und überhaupt, wie passt das zu einer Frau, vor der ich am liebsten auf die Knie gefallen wäre, also modisch gesehen… Sie trug einen übergroßen olivgrünen Daunenmantel, der ihr, hot! hot! hot!, halb von der Schulter rutschte, dazu Balenciaga-Sneaker und eine weite Anzughose. Selten so ein cooles Wesen in meinem Viertel gesehen. Also wieso, verdammte Hacke, spielte sie sich so auf? Wieso interessiert sie sich denn nicht mehr für Mode, was hat sie für ein Problem, und tsss, warum sieht sie dann bitteschön so unverschämt trendy aus?

In Wahrheit fand ich ihren Satz umwerfend und war neidisch auf ihre Klarheit, auf ihren freien Geist und ihre Anziehsachen, die plötzlich so einen beiläufigen Schick bekamen. Am liebsten hätte ich sie gefragt: Was ist passiert, dass Sie der Mode widersagen? Aber ich traute mich nicht. Vielleicht hatte ich auch einfach nur Angst vor der Antwort, die mir in Nullkommanichts meine eigene Unzulänglichkeit vor Augen geführt hätte. Wollte ich nicht längst schon mal den Selbstversuch starten und kein einziges Kleidungsstück mehr konsumieren? Aber ich werde immer wieder rückfällig, weil Anziehsachen einfach so viel Spaß machen und manchmal helfen zu überleben. Als ich mich mit meinem neuen Jäckchen und eingezogenem Köpfchen zur Kasse schlich, streichelte ich gedankenverloren über das senffarbene Zebramuster und flüsterte mir aufmunternd zu: Ich bin eben noch nicht so weit. Punkt.

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